#44 | Wenn KI spart, sollen alle profitieren | Gast: Alain Graf, KI-Stratege und Gründer von EncoSphera
24.04.2026•28:56
Alain Graf, Gründer und CEO von EncoSphera, spricht über die Gerechtigkeitsfrage der KI-Transformation: Effizienzgewinne entstehen heute in fast jedem Unternehmen – doch sie fliessen einseitig an Aktionäre und Bilanzen. Jene, die die KI einsetzen und am Leben halten, gehen leer aus. Graf hält das für ökonomisch kurzsichtig. Alain Graf bringt 25 Jahre Erfahrung aus Vertrieb, Business Development und Unternehmertum in den Bereichen Bau, Immobilien und SaaS mit. Im Videopodcast «AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt» der Stiftung Text Akademie spricht der Gründer und CEO von EncoSphera mit Moderator Christoph Soltmannowski über die Gerechtigkeitsfrage der KI-Transformation.Was Alain Graf antreibt, ist eine unbequeme Rechnung: 83 Prozent der Unternehmen können ihre KI-Gewinne heute nicht beziffern – und praktisch null Prozent der Mitarbeitenden erhalten einen Anteil daran. «Reiner Shareholder-Kapitalismus kommt an seine Grenzen — wir brauchen einen erweiterten Kapitalismus, der auch die Menschen einbezieht, die den Wert erschaffen. Sonst gewinnt am Ende die KI – und die KI gewinnt über den Menschen.» Mit dem «Human Dividend Model» hat Graf ein Framework entwickelt, das Effizienzgewinne sichtbar und gerecht teilbar macht – zwischen Unternehmen, Belegschaft und Gesellschaft. Dass OpenAI im April selbst von einer «Efficiency Dividende» sprach, wertet er als nachträgliche Bestätigung.Was nicht gemessen wird, kann nicht gerecht verteilt werdenDas Modell ruht auf drei Bausteinen. Ein Quick Scan weist das Effizienzpotenzial in Franken oder Euro aus. Der EncoSphera Amplification Score misst auf einer Skala von 0 bis 100 den Reifegrad entlang der Dimensionen Effizienz, Wertschöpfung und Mitarbeitende. Ab einem Score von 50 wird die Human Dividende ausschüttbar. 32 transparent und nachvollziehbare Parameter erfassen, wo die Gewinne tatsächlich entstehen – beim Menschen, beim Material, bei der Energie. Erst diese Transparenz macht faire Verteilung möglich. Solange niemand weiss, wie gross der Kuchen ist, lässt er sich beliebig klein reden.Vier-Tage-Woche statt StellenabbauGerechte Verteilung heisst für Graf nicht automatisch höhere Löhne. Sie kann eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich bedeuten, ein Weiterbildungsbudget, mehr Zeit für Kreativität und soziale Kontakte. «Effizienz heisst ja nicht, dass es uns schlechter gehen muss.» Statt Menschen durch KI zu ersetzen, sollen sie an deren Gewinnen teilhaben. Dass rund 49 Prozent der Mitarbeitenden sich vor KI fürchten, ist für Graf das grösste Innovationshemmnis: «Jedes Projekt, das die Menschen nicht mitnimmt, scheitert.» Eine transparent verteilte Dividende entschärft diese Angst – und wird so vom vermeintlichen Kostenfaktor zum Transformationsbeschleuniger.Die Wirtschaft muss liefern – nicht der StaatAuf ein staatlich verordnetes Grundeinkommen setzt Graf bewusst nicht. Wer Menschen durch KI ersetzt, dürfe die Folgekosten nicht auf den Staat abwälzen: «Die Wirtschaft hat die Transformation angestossen – sie muss sie auch gestalten.» Die Politik sieht er dennoch gefordert. Sein Bild ist deutlich: «Die Politik sieht einen Tsunami auf uns zukommen — aber statt ein Warnsystem und Schutzbauten zu errichten, diskutiert sie noch, ob Schwimmwesten reichen.»In fünf Jahren, so seine Vision, werde in Bewerbungsgesprächen so selbstverständlich nach dem Verteilungsmodell eines Unternehmens gefragt wie heute nach der Ökobilanz. Wer Effizienzgewinne teilt, gewinnt dreifach: bei Talenten, bei Kunden, am Kapitalmarkt. Wer sie einbehält, verliert zuerst die Motivation der Belegschaft – und danach die Legitimation seines Geschäftsmodells. Für Graf steht fest: Die eigentliche Frage der KI-Transformation ist keine technische, sondern eine Verteilungsfrage. «Der Mensch ist der Kompass, die KI ist der Motor. Wir stellen die Weichen – nicht umgekehrt.»