Er sei stolz auf seinen berühmten Vorfahren, den gestiefelten Kater, behauptet Kater Murr. Nun: sprechende Katzen sind in der Literatur wahrlich keine Seltenheit. Doch schon in den Lebensansichten des Katers Murr von E. T. A. Hoffmann, einem 200 Jahre alten Text, tritt ein Kater höchstpersönlich als Autor und Erzähler in Erscheinung und offeriert der Nachwelt seine Weisheiten und Erkenntnisse. Dummerweise benutzt er dafür bereits beschriebene Papiere, nämlich die Manuskriptseiten des Kapellmeisters Kreisler, die er bei seinem Herrn findet. Durch einen vermeintlichen Fehler bei der Drucklegung ergibt es sich, dass sich die Lebensgeschichte des schriftstellernden Katers mit der Biografie des Kapellmeisters auf kuriose Weise vermischt. In Hoffmanns Romancollage ist also der vierbeinige Held mit allen menschlichen Schwächen ausgestattet. Maßlos überschätzt er die eigene Genialität, rüttelt an der gesellschaftlichen Ordnung, stürzt sich in erotische Abenteuer und holt sich dabei manche Blessur. Seinem menschlichen Gegenüber, dem Kapellmeister Johannes Kreisler, ergeht es nicht besser. Ganz hypersensible Künstlernatur, scheitert er am Unverständnis seiner Umgebung, der Musik nicht mehr bedeutet als galante Zerstreuung. Und eigentlich sind sie zu dritt: Hoffmann hat selbst zeitlebens unter mangelnder Anerkennung gelitten, changierte zwischen seinen Begabungen als Schriftsteller, Komponist und Maler und war in seinem Brotberuf als Jurist genauso unglücklich wie 100 Jahre später ein Franz Kafka. Und wenn wunderts? Natürlich besaß Hoffmann einen eigenen Kater namens Murr, der ihm viel bedeutete und der ihn zu seinem Roman-Kater inspirierte. Der Tod des echten Hauskaters wurde Ende 1821 über verschiedene Fassungen einer Todesanzeige bekannt gegeben. Der Roman selbst endet analog dazu mit einer Todesanzeige des Romankaters.
