DoubleTake - ein podcast von ostmodern

ostmodern, Nicole Brey & Michael Brey GbR

DoubleTake ist der Essay-Podcast über sächsische Kultur, Geschichte und Mentalität – wissenschaftlich fundiert und für neugierige Hörer geschrieben. Jeden Monat eine neue Episode: ausführliche Analysen und Erzählungen, die Vergangenes mit Gegenwärtigem verbinden und Muster sichtbar machen, die sonst im Alltag unsichtbar bleiben. Von der höfischen Barockkultur bis zur Industriegeschichte, vom Revolutionsjahr 1848 bis zur Friedlichen Revolution 1989 – DoubleTake sucht die langen Linien hinter den bekannten Ereignissen.

Alle Folgen

MICHAEL. Ein Engel geht auf Reisen

KUNSTINSTALLATION von REINHARD PONTIUS 13. Februar – 19. April 2026 Eine fast drei Meter hohe Holzfigur in der Unterkirche der Frauenkirche lässt einen nicht in Ruhe. Kein Schwert, keine Rüstung — nur ein Blick, dem man nicht entkommt, und eine Hand, die sich öffnet. In dieser Episode sprechen wir über Reinhard Pontius' Skulptur „Michael": über den ikonografischen Bruch mit einer jahrhundertealten Kriegertradition, über das Holz der Waldschlösschenbrücke, das aus Dresdner Protest und Verlust eine Figur der Versöhnung werden ließ — und über eine Reise durch Coventry, Vladslo und Auschwitz, die sich unsichtbar in das Werk eingeschrieben hat. Kunst, die keine Botschaft im Plakatstil liefert. Sondern Gegenwart erzeugt.

MICHAEL. Ein Engel geht auf Reisen

Otto Dix und die Neue Sachlichkeit

Eine Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz im Museum Gunzenhauser vom 10.02.2026 bis 31.05.2026 1933 verliert Otto Dix seine Professur an der Dresdner Kunstakademie und zieht sich an den Bodensee zurück. Was auf den ersten Blick wie ein Rückzug ins Idyll wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine der faszinierendsten Werkphasen der deutschen Malerei: menschenleere Landschaften in altmeisterlicher Lasurtechnik, religiöse Allegorien als codierter Kommentar zur Zeit, ein letztes Selbstbildnis kurz vor der Einberufung zum Volkssturm. Michael Brey besucht die Ausstellung Otto Dix und die Neue Sachlichkeit im Museum Gunzenhauser in Chemnitz und fragen, was diese Bilder wirklich zeigen – und was von der Neuen Sachlichkeit bleibt, wenn die Großstadt wegfällt.

Otto Dix und die Neue Sachlichkeit

Christoph Wetzel, "Einer von uns", 1988 – Eine subtile Abrechnung

In dieser Folge sprechen wir über Christoph Wetzels Bild „Einer von uns“, das sich im Stadtmuseum in Riesa befindet. Ein Porträt, das sich bei genauerem Hinsehen als stille Totenklage entpuppt. Über einen Mann, der keine Zukunft mehr verteidigt, sondern eine Gegenwart bewacht, die längst brüchig geworden ist. Über Kunst, die sich der Anpassung bedient, um Zweifel zu säen. Und über die Frage: Wer war hier wirklich „einer von uns“? Hör rein – es geht um die letzten Momente eines Systems, um versteckten Protest und ein Bild, das heute wie ein Abgesang wirkt.

Christoph Wetzel, "Einer von uns", 1988 – Eine subtile Abrechnung

Gesichter der Arbeit

Die Ausstellung „Gesichter der Arbeit" im Stadtmuseum Riesa (bis 29. März 2026) zeigt Kunst aus der DDR-Ära, die im Rahmen des Bitterfelder Weges entstand – jener Kulturdoktrin, die Künstler in die Produktion schickte und Arbeiter zu Schöpfern machen wollte. Im Mittelpunkt stehen Werke wie Paul Häuslers monumentales Triptychon von 1964, das den Alltag im VEB Stahl- und Walzwerk Riesa mit der Würde eines Altarbildes feiert, und Christoph Wetzels subversives Porträt von 1988, das den Arbeiterheroismus der DDR still demontiert. Die Ausstellung erzählt von einer Stadt, die einst 12.000 Menschen Arbeit und Identität gab – und nach der Wende ein Drittel ihrer Bevölkerung verlor. Über den historischen Rahmen hinaus stellt sie hochaktuelle Fragen: Was bedeutet Arbeit für das Selbstverständnis von Menschen und Gesellschaften – und was geschieht, wenn sie verschwindet?

Gesichter der Arbeit

Leerstellen sichtbarmachen - Arkadien und Abgrund

Am 9. November 2025 öffnet das Museum der bildenden Künste Leipzig seine Türen – nicht um zu zeigen, was es besitzt, sondern um sichtbar zu machen, was fehlt. Vor Hackerts arkadischer Landschaft erzählt Kuratoriumsleiter Jan Nicolaisen die Geschichte des Mäzens Moritz Kraemer: ein Bankier, der über 60 Werke an Leipzig vermachte, dessen Nachkommen aber im Nationalsozialismus ermordet wurden. Seine Biografie steht stellvertretend für die jüdischen Stifterinnen und Stifter, die das Bürgermuseum mitaufgebaut haben – und aus seinem institutionellen Gedächtnis getilgt wurden. Eine Führung über Provenienzforschung, Restitution und die Frage, die jede Sammlung stellt: Welche Geschichten bewahren wir? Welche vergessen wir? Und wer entscheidet?

Leerstellen sichtbarmachen - Arkadien und Abgrund

Unerhört Leise - Eine Ausstellung in der Frauenkirche von Dresden

5.000 kleine kniende Figuren in der Unterkirche der Frauenkirche – und eine große Frage: Was bedeutet Zivilcourage heute? In dieser Episode erkunden wir die Installation „Unerhört Leise" des spanischen Künstlers Fernando Sánchez Castillo, die im Herbst 2025 in der Unterkirche der Frauenkirche Dresden zu sehen ist. Im Mittelpunkt steht ein fast vergessener Moment der DDR-Geschichte: der 13. Februar 1982, als Tausende Dresdner trotz Staatsmacht mit Kerzen und dem Lied „We Shall Overcome" an die Ruine der Frauenkirche kamen – unerhört leise, aber unüberhörbar. Sánchez Castillo, bekannt für seine kritische Auseinandersetzung mit Macht und Denkmälern, schuf kein Monument, sondern ein partizipatives Ritual: Wer eine Figur mitnimmt, hinterlässt einen Gedanken. Geschichte wird damit nicht konsumiert – sie wird weitergetragen. Eine Reflexion über stillen Widerstand, bürgerschaftlichen Mut und die Frage, was uns der 13. Februar 1982 über unsere eigene Gegenwart lehren kann.

Unerhört Leise - Eine Ausstellung in der Frauenkirche von Dresden

Szenen aus der DDR: Der 1. Mai - Zwischen Paradeschritt und Volksfest

Der 1. Mai in der DDR war kein gewöhnlicher Feiertag. Wer nicht marschierte, machte sich verdächtig. Wer mitmachte, bekam 5 Mark und eine Bockwurst. Und irgendwo dazwischen entstand echtes Gemeinschaftsgefühl – ob man wollte oder nicht. Dieser Essay taucht ein in den Dresdner Maifeiertag der späten DDR-Jahre: die akribische Parteiorganisation, den inszenierten Aufmarsch am Altmarkt, die allgegenwärtige Stasi im Hintergrund – und das Volksfest, das danach folgte und für viele der eigentlich schöne Teil des Tages war. Ein Bild vom Leben zwischen Anpassungsdruck und echter Freude, zwischen politischer Choreografie und dem Duft von Bratwurst im Frühling.

Szenen aus der DDR: Der 1. Mai - Zwischen Paradeschritt und Volksfest