Berthold Renzel – Landwirtschaft zwischen Verantwortung, Innovation und regionaler Wertschöpfung

In dieser Episode sind wir zu Gast in der kleinen Wurstmanufaktur von Berthold Renzel in Rhede. Berthold ist nicht nur Inhaber des Betriebs, sondern auch Vorsitzender des landwirtschaftlichen Stadtverbandes Bocholt (LSB) – und jemand, der Landwirtschaft ganzheitlich denkt. Im Gespräch mit Jens Grotstabel geht es um die Aufgaben des LSB, um politische Rahmenbedingungen und vor allem um die Frage, wie Landwirtschaft, Energiewende und gesellschaftliche Erwartungen zusammengebracht werden können. Berthold macht deutlich: Die Landwirtschaft ist nicht grundsätzlich gegen Solarstrom oder erneuerbare Energien. Photovoltaik gehört für ihn auf Dächer, Parkplätze oder versiegelte Flächen – nicht auf Böden, auf denen Nahrung produziert wird. Gerade dort, wo Solarstrom entsteht, könnten Elektroautos direkt geladen werden, etwa auf Firmengeländen oder Parkplätzen. Ergänzt wird dieses Bild durch Biogasanlagen, die laut Berthold besonders in der dunklen Jahreszeit eine wichtige Rolle spielen. Biogas ist für ihn die optimale Ergänzung zu Solar-, Wind- und Wasserkraft – vor allem, weil Landwirte seit jeher in Kreisläufen denken. Dazu gehören auch die Ausscheidungen von Nutztieren. Ein weiteres Thema: regionale Wertschöpfung. Berthold erzählt, wie anspruchsvoll der Anbau von Braugerste für das eigene Bier ist – und wie aus einer Idee ein Produkt wurde, das Landwirtschaft, Handwerk und Region verbindet. Es geht um Qualität, Identität und darum, Wertschöpfung in der Region zu halten. Auch Biodiversität spielt dabei eine Rolle: Ackerrandstreifen, Sonnenblumenflächen oder soziale Projekte zeigen, dass Landwirtschaft mehr ist als reine Ertragsmaximierung. Kritisch wird es beim Blick auf internationale Handelsabkommen. Das Mercosur-Abkommen setzt die heimische Landwirtschaft massiv unter Druck – finanziell, aber auch qualitativ. Berthold erklärt, warum Produkte aus Südamerika mit niedrigeren Umwelt- und Tierwohlstandards hierzulande konkurrieren dürfen und weshalb dort Pflanzenschutzmittel erlaubt sind, die bei uns seit Jahrzehnten verboten sind. Auch gesellschaftliche Debatten kommen zur Sprache: Warum werden Klimaproteste anders wahrgenommen als Proteste zum Agrardiesel? Für Berthold ist klar, dass das Recht auf Demonstration für viele Themen genutzt werden sollte – denn Probleme gibt es genug. Gleichzeitig zeigt er, wie innovativ Landwirtschaft heute bereits ist: kleinere Elektrogeräte, Hackroboter, die Beikraut von Nutzpflanzen unterscheiden können. Bei großen Traktoren stößt Elektromobilität aktuell noch an Grenzen – vor allem wegen der langen Laufzeiten. Ein zentrales Anliegen bleibt der Verbraucher. Wer sich mehr mit der Herkunft von Lebensmitteln beschäftigt, unterstützt automatisch die ansässige Landwirtschaft. Berthold spricht offen über vegane und vegetarische Ernährung als wirtschaftlichen Faktor, über Qualitätsunterschiede bei Lebensmitteln wie Butter und Margarine – und darüber, warum Qualität auch ihren Preis hat. Er selbst setzt auf natürliches Essen statt hochverarbeiteter Produkte. Hofläden sieht Berthold als wichtigen Ort des Austauschs. Hier entstehen Gespräche, Verständnis und Nähe. Das erfolgreichste Produkt in seinem Laden? Der Mittagstisch im Glas – frisch gekocht, schnell warm gemacht, ehrlich und nicht hochverarbeitet. Dazu kommen regionale Besonderheiten wie Lupinenkaffee und ein Sortiment, bei dem jedes Produkt eine Geschichte erzählt. Am Ende wird es persönlich. Für Berthold ist das Wichtigste, abends ruhig einschlafen zu können. Große Klagen liegen ihm fern – in Bocholt habe man eigentlich alles, was man braucht. Oder wie er selbst sagt: „Der Tag hat 24 Stunden – und wenn wir mittags durcharbeiten, auch noch ’ne Stunde mehr.“ Eine Folge über Verantwortung, Haltung und die klare Einladung: Versucht da zu kaufen, wo es produziert wird.