#47 | «Ersetzt wird niemand – nur neu eingesetzt» | Sergej Ruppel, CEO und Founder QPS Engineering AG
AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt
04.06.2026 • 22 Min.
In einer Branche, in der ein Fehler Menschenleben kosten kann, klingt der Einsatz von künstlicher Intelligenz nach einem Wagnis. Sergej Ruppel, CEO der QPS Engineering AG, sieht es umgekehrt – richtig eingesetzt mache KI die Pharmaproduktion sicherer. Im Podcast mit Christoph Soltmannowski erzählt der Ingenieur von robotergestützter Inspektion, einem Kulturschock in China und der Frage, wo der Mensch das letzte Wort behalten muss.Wer Arzneimittel herstellt, bewegt sich in einer der am strengsten regulierten Welten überhaupt. Unter GMP – Good Manufacturing Practice – versteht man jenen Teil der Qualitätssicherung, der bei Produktion und Prüfung von Arzneimitteln gleichbleibende Standards garantiert. In diesem Umfeld treibt Sergej Ruppel die digitale Transformation voran: Mit seinem Team bei der QPS Engineering AG begleitet er Unternehmen aus Pharma, Biotech und Lebensmitteltechnologie – von robotergestützter Visual Inspection bis zu KI-basierten Lösungen. «Wir kamen auf die Idee, aus verschiedenen Komponenten etwas Eigenes zu schaffen, um die Prozesse zu optimieren und sicherer zu machen», erzählt er.Daten statt BauchgefühlKI einfach in einen validierten Produktionsprozess einbauen – das funktioniert in der Life-Science-Branche nicht. Halluzinationen, wie man sie von generativen Modellen kennt, kann sich hier niemand leisten. Ruppel setzt deshalb auf lokale, geschlossene Systeme. «Die Patientensicherheit ist das oberste Gebot», sagt er. Bei der robotergestützten Visual Inspection erzeugen Kamerasysteme Bilder von Spritzen und Pharmacontainern; erst nach Validierung lässt sich ein KI-Modell mit definiertem Confidence Score anlernen. Den Vorteil gegenüber dem Menschen begründet Ruppel nüchtern: In Reinraumzonen ist der Mensch selbst die häufigste Quelle für Partikel und Kontamination. «Gerade dort sind Robotik und Kamerasysteme viel sinnvoller und effizienter.»Kulturschock in ChinaIn Europa geht es Ruppel zu langsam: Man müsse mehr Daten generieren, statt nur nach KI zu rufen. Seine China-Reise hat ihn in dieser Haltung bestärkt. «Ich habe einen Kulturschock bekommen», sagt er. Robotik und KI seien dort gesellschaftlich integriert, die Angst, die Europa kenne, sei verschwunden. Regierung und Gesellschaft zögen an einem Strang. In Europa dagegen kreise die Debatte vor allem um Regularien. Beides sei wichtig – aber die Balance stimme nicht: «Wir dürfen uns nicht so einschränken, dass wir uns nicht mehr entwickeln können.»Ersetzt oder neu eingesetzt?Sind Robotik und KI schlechte Nachrichten für die Belegschaft? Ruppel widerspricht. Gewiss werde der Mensch stellenweise ersetzt – «aber er kann anderweitig eingesetzt werden». Jüngeren Menschen rät er, die Technologie zu verstehen statt zu fürchten; ein Handwerk zu erlernen sei ohnehin keine schlechte Idee, weil es sich schwerer ersetzen lasse als ein reiner Computerjob.Wo der Mensch entscheiden mussBei aller Begeisterung zieht Ruppel eine klare Linie. Wird es sicherheitskritisch, brauche es jemanden, der am Ende wirklich entscheidet. «Gerade dort müssen Menschen im Lead sein.» Die Haftung ändert sich nicht: Verantwortlich bleibt stets der Hersteller, jedes System muss vor der Inbetriebnahme validiert werden. Privat betreibt Ruppel Agentic Engineering und legt Wert auf digitale Souveränität – sensible Daten laufen lokal. In den kommenden Wochen gibt QPS zwei Systeme frei: die KI-basierte visuelle Inspektion und «Dr. Project AI», ein Werkzeug für das Projektmanagement.