#48 | Text Akademie Podcast #47: Gaudenz Looser: «Content ohne Intention ist ein Imitat»
AI und Gesellschaft – Wege in die neue Welt
Vor 6 Tagen • 34 Min.
Gaudenz Looser stand 21 Jahre lang bei 20 Minuten im Dienst, zuletzt als Kopf des meistgelesenen Mediums der Schweiz – und als Initiant des ersten KI-Ressorts eines hiesigen Verlags. Seit Kurzem ist er selbstständig und behandelt das Thema Künstliche Intelligenz in seiner Arbeit bewusst. Im Podcast «AI und Gesellschaft»der Text Akademie mit Christoph Soltmannowski erklärt er, warum die Medien die Technologie viel zu wenig erklären, weshalb echter Journalismus in der KI-Suche an Wert gewinnt und was ihn an der ganzen Entwicklung wirklich beunruhigt. Die Verlagshäuser bemühten sich zwar intensiv, KI in den Alltag zu integrieren. Den eigentlichen Auftrag der Medien aber – der Gesellschaft zu erklären, welche Chancen und Risiken mit der Technologie einhergehen – vernachlässigten sie sträflich. «Jedes Individuum ist ein bisschen alleingelassen mit der Technologie», sagt Looser. Dahinter ortet er zwei aufeinanderfolgende Ängste: erst die FOMO – «Ich habe keine Ahnung, worum es geht, aber wir müssen das auch machen» –, dann die Angst, sich «nicht erwischen zu lassen dabei, dass man noch keine Ahnung hat». Dass KI ausgerechnet das Schreiben von Texten revolutioniert, hält Looser für die am wenigsten interessante Perspektive. «AI Slop» bleibe erkennbar: «Immer wenn man denkt, jetzt merkt es keiner mehr, dann dauert es zwei Wochen und die Mängel werden offensichtlich.» Die wahre Stärke liege anderswo: «Die Verarbeitung grosser Mengen unstrukturierter Informationen war noch nie so einfach wie jetzt» – ein Werkzeug, das dem Journalismus ganz neue Recherchemöglichkeiten eröffne. Am Wesen des Berufs ändere das jedoch nichts. Seine Formel ist schlicht: Alles, was Fleissarbeit ist, sollte man der Maschine überlassen – «und die gewonnene Zeit sollte man dort investieren, wo man unersetzlich ist: in Beziehung treten zum Publikum, Mensch sein, authentisch sein.» Vom Effizienzversprechen hält er entsprechend wenig. «Man kann Content nicht durch KI ersetzen, weil Content ohne Intention kein Content ist, sondern ein Content-Imitat.» An eine vollautomatisierte KI-Zeitung glaubt er deshalb nicht. Eine Geschichte, hinter der kein Mensch mehr stehe, bleibe seelenlos: «Man spürt das einfach, der Subtext fehlt.» Was fehle, sei die Übersetzungsarbeit zwischen der «Nerd Sphere» und dem breiten Publikum. «Es gibt keinen normalen Stand in der KI-Anwendung», sagt Looser. Hilfreich wäre eine Instanz, die sage: «Heute müsstest du das, das und das können.» Doch so schnell sei die Gesellschaft nicht – jedes Curriculum sei nach zwei Wochen überholt. «Wir müssen das einfach aushalten, bis es aufhört, so schnell weiterzugehen.» Was Looser wirklich umtreibt, sind nicht Buzz-Themen wie Deepfakes. Gefälschte Inhalte würden auf Dauer erkannt. «Was mich aber stört, ist, dass wir diesen Buzz-Themen hinterherrennen», während das eigentlich Bedeutsame geschehe: «die komplette Auflösung der Privatsphäre». In Kombination mit der Abhängigkeit von ausländischen Technologien ergebe sich «eine Machtverschiebung, wie wir sie als Menschheit noch gar nie erlebt haben». Looser führt das bis zur direkten Demokratie: «Wenn sich alles berechnen lässt, dann lässt sich auch alles manipulieren.» Je mehr man sich mit KI bewege, desto wertiger werde die persönliche Begegnung. «Das Analoge wird plötzlich wieder zum USP», sagt Looser. Fasziniert ist er von der Technologie gleichwohl: Er beobachte, wie KI sein Leben beschleunige und Abkürzungen schaffe. Kleine «Nerd-Probleme» verschwänden einfach – Bedienungsanleitungen brauche er endgültig nicht mehr. So endet die Tour d'Horizon mit einer Botschaft, die man vom angeblich gefährlichsten Journalisten der Schweiz nicht unbedingt erwartet hätte. Keine Angst, aber Vorsicht und Skepsis. «Ich glaube an die Kraft der Gesellschaft, das in guter Art und Weise zu überstehen.»