#221 – Alessandro Tonarelli, Strohtektur - Stroh, Holz, Lehm
ARCHITEKTURFUNK
15.10.2026 • 26 Min.
Wenn man Stroh hört, denkt man an Kuhstall, Kaninchenstall oder an die Geschichte der drei kleinen Schweinchen, wo das strohgedeckte Haus als erstes weggepustet wird. Kann ausgerechnet dieses Material unsere Bauweise retten? Alessandro, Architekt und Gründer von Strohtektur, hat seinen eigenen, ungewöhnlichen Weg zum Baustoff Stroh gefunden: Architekturstudium in Italien und Spanien, danach eine Permakultur-Ausbildung und eine Strohbau-Ausbildung beim Fachverband Norddeutsches Zentrum für nachhaltiges Bauen, bevor er sich selbstständig machte. Sein erstes eigenes Projekt, das Haus "Nau-Lindo" bei Berlin, baute er gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls Architektin, als Selbstbauprojekt: Dach, Wände und Bodenplatte komplett aus Stroh, dazu ein Permakulturgarten und ein Zeitnutzungsmodell mit vier weiteren Familien. Alessandros zentrale These: Der 100 Jahre alte Strohbau – entwickelt in den USA, erstes europäisches Gebäude von 1921 in Frankreich – vereint die Stärken dreier Materialien in einer Konstruktion. Stroh dämmt, Holz trägt, Lehm schützt vor Feuchtigkeit. Die oft gefürchteten Risiken Brandschutz und Schimmel widerlegt er mit Zahlen: zertifizierte Strohballen erreichen Feuerwiderstandsklassen bis F90, europäische und deutsche Zulassungen machen reguläre Bauanträge längst möglich. Sein CO2-Fazit für das eigene Haus: minus 22 Tonnen durch Materialbindung, nur minus 7 Tonnen durch energieintensive Schraubfundamente. Unterm Strich ein deutlicher Nettogewinn fürs Klima. Sein Appell an die Baubranche: Stroh soll den Holzbau nicht ersetzen, sondern entlasten. Als schnell nachwachsender Rohstoff mit einem Potenzial von 350.000 möglichen Gebäuden pro Jahr allein in Deutschland, von denen aktuell nur ein Bruchteil genutzt wird. Ein Gespräch über die Feuchtigkeitsregulierung durch Kalk- und Lehmputz, kreislaufgerechtes Bauen ganz ohne Folien, die Rolle automatisierter Stroh-Fertigung im Geschosswohnungsbau und die Frage, warum ausgerechnet Lehm für Alessandro der zweite Baustoff der Wahl wäre.