Interview mit Norbert Nachtweih über seine Flucht, die Stasi, Bernd Bransch und sein Gehalt beim FC Bayern
Chemie kennt keine Liga
27.11.2024 • 1 Std. 5 Min.
Was im November 1976 in Istanbul während einer Reise der U21-Nationalmannschaft der DDR passierte, klingt noch heute wie aus Tausendundeiner Nacht: Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl gelang damals die Flucht in die US-Botschaft. Die beiden Nachwuchskicker des Halleschen FC waren die ersten Ost-Fußballer, die in den Westen entwischten – und dort eine große Karriere machten. In „Chemie kennt keine Liga“, dem HFC-Podcast der Mitteldeutschen Zeitung, erzählt Norbert Nachtweih in einem langen Interview auch von den Tagen der Flucht in der Türkei. Anlass ist seine vor kurzem erschienene Biografie: „Zwischen zwei Welten“. Im Podcast bezeichnet Nachtweih sich bei der Flucht als „Beifahrer“. Sein Mannschaftskollege Jürgen Pahl sei die treibende Kraft gewesen. Aus heutiger Sicht hätten sie sich „naiv“ verhalten. „Wir wussten ja nicht, ob das mit der Auslieferung wirklich klappt.“ Und: Die beiden Nachwuchsspieler gaben damals eine privilegierte Situation auf. Bereits mit 17 Jahren, erzählt Nachtweih, sei er in das Oberliga-Team des HFC gekommen, als Auswahlspieler habe er „alles gekriegt“ – auch Südfrüchte und Adidas-Kleidung. In der Bundesliga zu spielen, war dennoch der Traum. Nach der erfolgreichen Auslieferung ging es jedoch nicht sofort in die höchste Spielklasse. Zwar wurden Pahl und Nachtweih von Eintracht Frankfurt verpflichtet. Sie bekamen jedoch erst einmal eine einjährige Sperre. „Für unser Privatleben hat das aber klasse gepasst, wir konnten abends um die Häuser ziehen - ist ja ganz klar, wir waren 19 Jahre alt.“ Eine Episode, die Nachtweih in seinem Buch nicht aufgeschrieben hat, handelt von der 2022 verstorbenen HFC-Legende Bernd Bransch. Der habe sich auch nach der Flucht noch vor die beiden Nachwuchskicker gestellt. „Da hätte ich ihm gern noch gedankt“, meint Nachtweih im Podcast, in dem er auch vom Schreck erzählt, als Bayern-Manager Ulli Hoeneß ihn anrief, um ihn nach München zu locken. Ein Grund, warum Nachtweih das Angebot annahm: „Bei Bayern verdiente ich viel mehr“. Wie viel mehr? Das erzählt Norbert Nachtweih im Podcast.