Verborgene Welten, Träume, Visionen
Duderstedt auf Kultour
Vor 4 Tagen • 7 Min.
Verborgene Welten, Träume, Visionen Der surrealistische Maler Max Ernst malte sein Inneres: bizarre Träume, seltsame Visionen, Einblicke in rätselhafte verborgene Welten. Max Ernst war der bedeutendste deutsche Surrealist. Vor fünfzig Jahren ist er gestorben. Als Künstler war er Autodidakt. Er studierte unter anderem Psychologie und Philosophie. Lange Zeit fand Max Ernst, geboren 1891 in Brühl bei Köln, wenig Anerkennung. Doch als er am 1. April 1976 in Paris starb, war er berühmt und mehrfach ausgezeichnet. Als junger Mann rebelliert er gegen die bürgerliche Ordnung, gegen seinen katholischen Vater, gegen die „Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges“, an dem er vier Jahre, 1914 bis 1918, teilnehmen musste. Er fühlt sich zur Dada-Bewegung hingezogen, die 1917 in Zürich an die Öffentlichkeit tritt und mit Nonsens provozieren und das Bewährte über den Haufen werfen will. 1919 ruft er mit Hans Arp und anderen in Köln eine Dada-Gruppe ins Leben. In ihrer Wochenschrift „Der Ventilator“ heißt es mit bitterem Sarkasmus: „Bürger! (…) Haltet euch am Besitz – unser gefährlichster Feind ist der Geist.“ Die Zeitschrift wird bald verboten. Dada-Ausstellungen in Köln mit Collagen Ernsts erregen öffentliches Ärgernis. Der Vater teilt ihm mit: „Ich verfluche dich.“ 1922 geht Max Ernst nach Paris, wo er im Kreis der surrealistischen Autoren und Künstler mit offenen Armen aufgenommen wird – erstaunlich, denn das Verhältnis zwischen den Nachbarländern Deutschland und Frankreich ist zu dieser Zeit feindselig. Doch Paul Éluard, der noch kurz vorher bei Verdun gekämpft hat, André Breton, Louis Aragon und die anderen interessieren sich nicht für Nation und Herkunft, sondern sehen in dem Deutschen einen Geistesverwandten. 1924, die Dada-Revolte ist abgeklungen, erscheint Bretons „Manifeste du Surréalisme“. Darin propagiert er die Auflösung des Gegensatzes von Traum und Wirklichkeit zu einer neuen, „surrealen“ Realität. Damit verbunden und von Dada übernommen ist die Ablehnung aller herkömmlichen Werte, verschärft im zweiten surrealistischen Manifest (1930): „Alles muss getan werden, alle Mittel sind recht, um die Ideale Familie, Vaterland, Religion zu zerschlagen.“ In diesem Sinne malt Ernst 1926 das Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: A.B., P.E. und dem Maler“, also Breton, Éluard und Ernst. Maria hebt die Hand, um ihr Kind auf den nackten Hintern zu schlagen. Es ist eine „der ersten antiklerikalen Aktionen der surrealistischen Bewegung“, erklärt Jürgen Pech, der frühere wissenschaftliche Leiter des Max-Ernst-Museums in Brühl. Schon 1925 hat der Künstler ein Manifest der Surrealisten gegen den imperialistischen Marokko-Krieg unterschrieben und muss nun als Deutscher in Frankreich Schlimmes befürchten. Ernst verzieht sich in das Dorf Pornic am Atlantik und ist in seinem Quartier fasziniert von der Maserung des ausgescheuerten Dielenfußbodens. Er legt Papier darauf und reibt die Holzstruktur mit weichem Bleistift durch. Diese Technik, in der gleich eine ganze „Naturgeschichte“ mit seltsamen Fisch- und Vogelwesen entsteht, nennt er Frottage (von frotter, „reiben“). Auch die Grattage (von gratter, „abkratzen“), bei der mit einem Messer getrocknete Farbschichten eines Bildes abgeschabt oder -gekratzt werden und die sein Schaffen künftig ebenso bestimmen wird, erfindet er in dieser Zeit. Max Ernsts Werke werden in Nazi-Deutschland diffamiert, zwei davon sind 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für ihn in Frankreich immer schwieriger. Als „feindlicher Ausländer“ 1939 interniert, kommt er zwar wieder frei, muss aber im folgenden Jahr wieder ins Gefängnis, diesmal von der Gestapo verhaftet. Er kann fliehen. Zusammen mit der reichen Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die später seine dritte Frau wird, schafft er den Weg ins US-amerikanische Exil. Zunächst in New York, lebt Max Ernst ab 1946 mit seiner vierten Frau, der Malerin Dorothea Tanning, in Sedona in der Wüste von Arizona in einem einsamen Haus. 1953 kehrt er mit seiner Frau nach Paris zurück. „Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht, sondern die Wahnsinnigen“, sagte Ernst im Rückblick auf sein Leben und Schaffen: „Wenn die Malerei ein Spiegel der Zeit ist, muss sie wahnsinnig sein.“ Schon als Student der Psychologie hatte er sich mit der Kunst psychisch Kranker beschäftigt. Die Faszination des Wahnsinns war nicht das Einzige, was ihn mit der Romantik verband. Er schätzte Caspar David Friedrich und dessen Maxime: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild, Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen.“ Auch Max Ernst wollte als Maler „einkreisen und projizieren, was er in sich selbst sieht“. So kamen verstörende Visionen wie „Europa nach dem Regen“ zustande, oft aber auch Bilder mit Ironie und leisem Witz. Das gilt auch für das Werk, das er 1960 seiner Frau Dorothea zum 50. Geburtstag schenkte und das nach Jürgen Pech die blaue Blume der Romantik zeigt, wie sie im Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis in einem Traum auftaucht. Endliches und Unendliches, Natur und Geist seien bei Novalis harmonisch ausgeglichen: „Das Innen und das Außen, der Traum und die Realität gehören zusammen.“ All diese Aspekte der Verschmelzung von Gegensätzen, erklärt Jürgen Pech, seien in dem Bild von Max Ernst konzentriert zusammengefasst. Hier schließt sich der Kreis zum Surrealismus der frühen Jahre.