Mythos Marathon
Mythos Marathon

Mythos Marathon

Fake History


17.07.2026 • 29 Min.

Die überlieferte Geschichte des Marathon-Laufs geht so: Nach der Schlacht von Marathon im Jahr 490 vor Christus, bei der die Griechen die eindringenden Perser zurückschlagen konnten, läuft ein griechischer Bote nach Athen, und ruft: „Wir haben gesiegt!“ Und fällt dann tot um. Eine perfekte Geschichte. Ein Mann, eine Botschaft, ein Opfer. Das ist Hollywood, lange bevor Hollywood erfunden wurde. Was stimmt: Die Perser landen bei Marathon, etwa vierzig Kilometer nordöstlich von Athen. Für Athen ist das eine existenzielle Bedrohung. Die Perser sind die Großmacht der Zeit. Die Athener wissen, allein wird das schwierig. Wir müssen Hilfe holen. Also schicken sie einen professionellen Botenläufer los. Einen sogenannten Hemerodromos, einen Tageläufer. Diese Männer waren die Expressdienste der Antike. Und dieser Läufer heißt bei Herodot, der wichtigsten frühen Quelle, Pheidippides, manchmal auch Philippides. Er läuft nicht von Marathon nach Athen, sondern von Athen nach Sparta. Das sind ungefähr 240 Kilometer. Aber jetzt kommt der entscheidende Punkt: Herodot erwähnt an keiner Stelle den berühmten Lauf von Marathon nach Athen mit anschließendem Tod. Diese Geschichte taucht erst viel später auf, bei Autoren wie Plutarch und Lukian und dort auch noch mit unterschiedlichen Namen. Das heißt, der Marathonlauf, wie wir ihn kennen, beruht auf einer späteren Verdichtung. Aus einem überlieferten Botenlauf nach Sparta wird irgendwann ein dramatischer Todeslauf nach Athen. Eigentlich müsste die Disziplin also nicht Marathon heißen, sondern Spartathlon. Aber der Mythos Marathon hatte etwas, das der Sparta-Lauf nicht hatte: Er war knapp, dramatisch, einfach zu erzählen. Ein Mann, ein Sieg, ein Tod. Zeitsprung: Die modernen Olympischen Spiele werden geplant. Pierre de Coubertin will ein internationales Sportfest schaffen, das an die Antike anknüpft. Und dann kommt Michel Bréal, ein französischer Sprachwissenschaftler, mit einer Idee: Warum nicht einen Lauf von Marathon nach Athen veranstalten? 1896, bei den ersten modernen Olympischen Spielen in Athen, wird dieser Lauf tatsächlich ausgetragen. Die Strecke beträgt ungefähr 40 Kilometer. Und ausgerechnet ein Grieche gewinnt den Lauf. Spiridon Louis läuft als Erster ins Panathinaikos-Stadion ein und wird ein Volksheld. 2 Stunden, 58 Minuten, 50 Sekunden. Für damalige Verhältnisse eine Sensation. Griechenland gerät in einen nationalen Rausch. Der Marathon ist geboren, nicht als exakt vermessene Sportdisziplin, sondern als patriotisches Theater.. Wohlgemerkt: Um 1900 herum war Marathon eher eine Idee als eine Zahl. Mal 40 Kilometer, mal etwas mehr, mal etwas weniger. Das hielt nicht so genau. Aber dann kommt Olympia London 1908. Und jetzt wird es very britisch: Der Marathon soll am Windsor Castle starten und im White City Stadium enden. Ursprünglich denkt man an 26 Meilen. Das wären, wir nehmen es jetzt mal ganz genau, 41,8429 Kilometer gewesen. Dann kommen Wünsche des Königshauses ins Spiel. Der Startpunkt soll möglichst so liegen, dass die königlichen Kinder ihn vom Castle aus sehen können. Und das Ziel soll vor der königlichen Loge liegen. Also wird die Strecke etwas angepasst. Und landet bei exakt bei 42,195 Kilometern. Und so ist es bis heute geblieben.