KInote #08 – Der Mythos Dartmouth – Mit Technikhistoriker Rudolf Seising
KInote #08 – Der Mythos Dartmouth – Mit Technikhistoriker Rudolf Seising

KInote #08 – Der Mythos Dartmouth – Mit Technikhistoriker Rudolf Seising

KInote – Künstliche Intelligenz in der Wissenschaft


Vor 2 Tagen • 57 Min.

Als im Sommer 1956, von Mitte Juni bis Mitte August, eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern am Dartmouth College in Hanover im US-Bundesstaat New Hampshire zusammenkam, ahnte wohl niemand, dass dieses Treffen Jahrzehnte später als Geburtsstunde der Künstlichen Intelligenz gelten würde. Aus einer Forschungsinitiative entstand nicht nur der Begriff Artificial Intelligence, sondern auch eine Gründungserzählung, die bis heute das Selbstverständnis der KI-Forschung prägt. Doch was geschah dort tatsächlich, an diesem pittoresken Kleinod Neuenglands, und wie viel Mythos steckt mittlerweile in der Geschichte von Dartmouth? In dieser Folge von KInote sprechen wir mit dem Wissenschafts- und Technikhistoriker PD Dr. Rudolf Seising über die Ursprünge der Künstlichen Intelligenz. Seit vielen Jahren erforscht er ihre Entstehungsgeschichte und widmet sich insbesondere der Frage, wie sich die Disziplin in Deutschland wissenschaftlich etablierte. Am Deutschen Museum in München leitete er unter anderem das Forschungsprojekt Ingenieur-Geist und Geistes-Ingenieure (IGGI), das die Geschichte der KI in der Bundesrepublik untersucht hat. Zwischen Gründungsakt und Gründungsmythos Seising zeichnet ein differenziertes Bild der berühmten Dartmouth-Konferenz. Anders als bisweilen erinnert, handelte es sich weniger um eine klassische Konferenz als um einen lose organisierten Workshop, dessen Teilnehmer über mehrere Wochen hinweg kamen und gingen. Ein gemeinsamer Abschlussbericht entstand nicht. Erst Jahrzehnte später entwickelte sich Dartmouth zum symbolischen Ursprung der KI. Der Begriff Artificial Intelligence wiederum erschien erstmals im Förderantrag für das Treffen und sollte in den folgenden Jahrzehnten Geschichte schreiben. Seisings Nachforschungen zeigen, dass die Genese der Künstlichen Intelligenz keineswegs geradlinig verlief. Phasen großer Erwartungen wechselten sich mit Zeiten der Ernüchterung ab, unterschiedliche Forschungsrichtungen konkurrierten miteinander und technische Durchbrüche entstanden häufig dort, wo sie zuvor kaum jemand erwartet hatte. Gerade der Erfolg großer Sprachmodelle zeigt Seising zufolge, wie wenig sich technologische Entwicklungen langfristig vorhersagen lassen. Mit dem Historiker sprechen Marcel Schütz und Jonathan Wilhelm auch darüber, inwieweit der Blick in die Geschichte helfen kann, gegenwärtige Entwicklungen einzuordnen. Schwieriger Weg nach Deutschland Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die Entwicklung der KI in der Bundesrepublik. Während sich die Forschung in den USA früh etablierte, dauerte es in Deutschland deutlich länger, bis sich die Technologie als eigenständiges Forschungsfeld durchsetzen konnte. Viele der späteren Pioniere arbeiteten zunächst ohne eigene Professuren und organisierten sich in kleineren alternativen wissenschaftlichen Netzwerken. Aus diesen Initiativen entstand schließlich das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, das heute zu den bedeutendsten Einrichtungen seiner Art zählt. Grenzgänger zwischen Geistes- und Natur- und Technikwissen PD Dr. Rudolf Seising ist studierter Mathematiker, Physiker und Wissenschaftsphilosoph. Er promovierte an der LMU München in Wissenschaftstheorie und habilitierte sich ebenda in der Geschichte der Naturwissenschaften. Seising hatte Vertretungsprofessuren inne und forscht am Deutschen Museum in München zur Technik- und Wissenschaftsgeschichte. Zur Webseite von KInote mit Shownotes zu dieser Folge: https://www.kiwit-projekt.de/post/kinote-07-der-mythos-dartmouth Zur Webseite von Rudolf Seising: https://www.deutsches-museum.de/forschung/person/rudolf-seising-2