Die Kirche im Radio am 21.09.2026
Die Kirche im Radio am 21.09.2026

Die Kirche im Radio am 21.09.2026

MDR THÜRINGEN Augenblick mal


Vor 2 Tagen • 1 Min.

Wenn etwas zerbrochen istIch kenne einen jungen Mann. Als ich ihn zum ersten Mal treffe, ist er 18 - hat große Pläne. Und das, obwohl es nicht einfach war: Er hat mit 14 seine Heimat verlassen. Jahre der Flucht liegen hinter ihm - und Jahre harter Arbeit, in Ländern, in denen er als Jugendlicher ganz auf sich allein gestellt war. Endlich in Deutschland, lernt er die neue Sprache überraschend schnell, er schreibt sogar Gedichte auf Deutsch. Ist voller Hoffnung. Findet einen Arbeitsplatz. Sagt: "Zum ersten Mal habe ich das Gefühl der Sicherheit."Das ist zehn Jahre her. Der junge Mann ist jetzt 28 - ich hab nachgerechnet, denn er wirkt plötzlich viel älter auf mich. Es geht ihm nicht gut. Er hat Probleme mit seiner Gesundheit, keine Arbeit mehr, auch keine Wohnung. Was ist passiert? Wer hat hier was falsch gemacht? Diese Frage ist mühsam, aber lässt mich nicht los: Warum ist aus dem fröhlichen Jungen ein gebrochener Mann geworden? Manche Menschen scheitern - am System, an sich selbst? Ich habe hier keine einfache Antwort. Und auch keine schnelle Lösung nach christlichem Patentrezept. Ich denke an Jesus, von dem erzählt wird, dass er die Menschen wirklich gesehen hat. Gerade auch die, die andere lieber übersehen haben. Ich wünsche mir, dass auch der junge Mann gesehen wird. Dass seine Geschichte gehört wird. Und andere Geschichten wie die seine. Dass Menschen nicht aus dem Blick geraten. Und dass wir nicht müde werden zu fragen: Was machen wir, wenn etwas zerbrochen ist – und sich nicht so schnell reparieren lässt?Anne-Christin Martz, evangelisch-freikirchlich aus der G26 in Gera.