#95 - Kann man Entscheiden lernen? Was die Forschung wirklich sagt
Entscheidungsnavigator
22.09.2026 • 13 Min.
Gute Entscheider werden geboren, nicht gemacht. Der eine hat ein Gespür dafür, der andere nicht. Das glauben viele. Ich halte es für falsch. Einfach ist es trotzdem nicht. Ich kenne Menschen, die jedes Buch über Entscheidungen gelesen haben, jeden Denkfehler benennen können und dennoch immer wieder in dieselben Fallen tappen. Das kenne ich auch von mir. Ich beschäftige mich seit Jahren beruflich mit dem Entscheiden und denke hinterher manchmal trotzdem: Da war ich schlampig. Genau darum geht es in dieser Folge: Kann man gutes Entscheiden lernen? Und wenn ja, wie? Die gute Nachricht: Ja, man kann. Carey Morewedge und sein Team zeigten, dass ein einziges Training gegen typische Denkfehler die Anfälligkeit für Verzerrungen messbar senkt, teilweise um 30 Prozent und mehr. Der Effekt hielt auch Monate später an. Philip Tetlock untersuchte, wie gut Menschen die Zukunft einschätzen, und fand die Superforecaster. Schon ein kurzes Training verbesserte ihre Trefferquote spürbar. Gerd Gigerenzer stellte Ärzten dieselbe medizinische Frage zweimal: In Prozenten lagen etwa zehn Prozent richtig, in natürlichen Häufigkeiten fast die Hälfte. Dieselbe Frage, dasselbe Wissen, nur anders aufbereitet. Dann kommt der Haken. Daniel Kahneman, der kognitive Verzerrungen bekannt machte wie kaum ein anderer, schreibt am Ende seines grossen Buches sinngemäss: Nach all den Jahrzehnten ist sein eigenes Denken kaum weniger anfällig geworden. Bei anderen erkennt er die Denkfehler sofort. Bei sich selbst tappt er weiter hinein. Wenn Wissen allein genügen würde, müsste er der beste Entscheider der Welt sein. Der Widerspruch löst sich auf, wenn man versteht, was trainierbar ist. Nehmen wir das Schwimmen: Jemand liest jedes Buch darüber, versteht Auftrieb und Verdrängung, kann jeden Armzug erklären und springt dann zum ersten Mal ins Wasser. Beim Entscheiden braucht man das Wissen allerdings sehr wohl. Wer den Bestätigungsfehler nicht kennt, kann im entscheidenden Moment kaum bemerken, dass er ihm aufsitzt. Wissen schärft die Aufmerksamkeit. Es ist die Landkarte, aber nicht die Reise. Gary Klein untersuchte, wie erfahrene Feuerwehrleute in Sekundenbruchteilen entscheiden. Sie wägen nicht ab, sondern erkennen Muster, die sie oft erlebt haben. Anders Ericsson zeigte, worauf es ankommt: gezieltes Üben. Jemand kann zwanzig Jahre Auto fahren und trotzdem kaum besser werden, weil er routiniert immer dasselbe tut. Wer nie zurückschaut und fragt, warum eine Entscheidung gut oder schlecht war, sammelt Jahre, aber keine Erfahrung. ? ERSTGESPRÄCH BUCHEN: https://entscheidungsnavigator.com/kontakt/ ✉️ NEWSLETTER: https://entscheidungsnavigator.com/newsletter/ Mein Kerngedanke: Entscheiden lernt man nicht wie Vokabeln, sondern wie ein Handwerk. Wissen ist die Grundlage. Erst Übung, Achtsamkeit, Wiederholung und Rückmeldung machen daraus Können. Das ist der Auftakt zu einer Serie in drei Folgen. Beim nächsten Mal geht es darum, womit man dieses Handwerk übt, welche Werkzeuge und Methoden es gibt und ob Werkzeuge allein reichen. ?️ ZUM PODCAST: https://entscheidungsnavigator.com/podcast/ ? BUCH „Neue Wege der Führung": https://www.amazon.de/dp/1960004956/ Kapitel: 00:00 Werden gute Entscheider geboren? 01:28 Die Frage dieser Folge und der Auftakt zur Serie 01:56 Carey Morewedge: ein Training, ein bleibender Effekt 02:44 Philip Tetlock und die Superforecaster 03:22 Gigerenzer: dieselbe Frage, doppelt so viele richtige Antworten 04:56 Der Haken: Kahnemans ehrliches Eingeständnis 06:28 Warum Wissen notwendig, aber nicht ausreichend ist 07:14 Das Bild vom Schwimmen und der Unterschied zum Entscheiden 08:33 Gary Klein, Anders Ericsson und das gezielte Üben 10:22 Entscheiden lernt man wie ein Handwerk ✅ LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/ckoudela/ ✅ Facebook: https://www.facebook.com/entscheidungsnavigator/ ✅ Instagram: https://www.instagram.com/entscheidungsnavigator/