Andre Crawford – Der Mörder, der mitten unter den Ermittlern stand
Serienmord & Wahnsinn
12.08.2026 • 15 Min.
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Er erklärte, dass das Töten für ihn zu einer Sucht geworden sei. Reue zeigte er nicht. Besonders verstörend war ein Detail seiner Aussagen: Nach den Tötungen kehrte er häufig zu den Tatorten zurück, um sexuelle Handlungen an den Leichen seiner Opfer vorzunehmen. DNA-Spuren bestätigten schließlich seine Beteiligung an einer Mordserie, die Chicago über Jahre beschäftigt hatte. Noch erschütternder war eine andere Erkenntnis. Crawford war den Ermittlern keineswegs unbekannt. Während Polizei und Anwohner nach dem sogenannten Southside Strangler suchten, hatte er sich zeitweise selbst an Suchaktionen beteiligt und beim Verteilen von Informationsblättern geholfen, die vor genau dem Täter warnten, der er selbst war. Eine Kindheit voller Brüche Andre Crawford wurde 1962 in Chicago geboren. Sein Vater verließ die Familie früh. Wegen Vernachlässigung kamen Crawford und seine Schwester in eine Pflegefamilie. Während seines späteren Prozesses schilderte Crawford eine Kindheit voller Misshandlungen und sexueller Gewalt. Teile dieser Darstellungen wurden von Angehörigen bestritten oder konnten nie unabhängig bestätigt werden. Fest stand jedoch, dass sein Leben früh aus den Fugen geriet. Bereits als Jugendlicher entwickelte er eine Drogenabhängigkeit und brach die Schule ab. Er verpflichtete sich später sowohl bei der Army als auch bei der Navy, konnte seinen Dienst wegen anhaltenden Drogenkonsums jedoch nicht erfolgreich absolvieren und wurde entlassen. Nach seiner Rückkehr nach Chicago führte Crawford ein unstetes Leben. Er hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lebte zeitweise in Obdachlosenunterkünften oder leerstehenden Häusern und bewegte sich regelmäßig im Rotlichtmilieu. Drogensucht, Alkoholmissbrauch und kleinere Straftaten führten immer wieder zu Polizeikontakten. Dennoch ahnte damals niemand, dass sich hinter dem unscheinbaren Mann einer der gefährlichsten Serienmörder der Stadt verbarg. Die Frauen, die kaum jemand vermisste Zwischen 1993 und 1999 verschwanden im Englewood-Viertel immer wieder Frauen. Viele kämpften mit schweren Drogenabhängigkeiten. Einige gingen der Prostitution nach, andere lebten am Rand der Gesellschaft. Sie kannten Crawford häufig flüchtig oder begegneten ihm in derselben Drogenszene. Er lockte sie unter Vorwänden an abgelegene Orte oder in verlassene Gebäude. Dort wurden sie erdrosselt oder mit einem Messer getötet. Anschließend ließ Crawford die Leichen zunächst zurück, kehrte jedoch später zurück, um sexuelle Handlungen an den Toten vorzunehmen. Insgesamt wurden elf Frauen als seine Mordopfer identifiziert. Zudem überlebte eine weitere Frau einen Angriff im Jahr 1997 schwer verletzt und konnte später gegen ihn aussagen. Die Opfer hießen Evandrey Harris, Patricia Dunn, Rhonda King, Angel Shatteen, Shaquanta Langley, Sonja Brandon, Nicole Townsend, Cheryl Cross, Tommie Dennis, Sheryl Johnson und Constance Bailey. Sie standen selten im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Viele Fälle erhielten zunächst nur begrenzte mediale Resonanz – ein Umstand, der später immer wieder kritisch diskutiert wurde. Ein Viertel mit mehreren Serienmördern Die Ermittlungen gestalteten sich außerordentlich schwierig. Englewood war in den 1990er-Jahren von extremer Gewalt geprägt. Mehrere ungeklärte Tötungsdelikte erschwerten die Zuordnung einzelner Fälle. Hinzu kam ein weiterer Serienmörder: Hubert Geralds war ebenfalls in derselben Gegend aktiv. Die parallelen Mordserien führten zu erheblicher Verwirrung. Geralds legte sogar ein Geständnis zu einem Mord ab, der tatsächlich von Crawford begangen worden war. Erst nach Crawfords Festnahme wurde deutlich, dass Rhonda Kings Tod fälschlicherweise Geralds zugeschrieben worden war. Die Staatsanwaltschaft hob dessen Verurteilung in diesem Punkt später auf, nachdem DNA-Beweise eindeutig Crawford belasteten. Geralds blieb allerdings wegen anderer Morde weiterhin in Haft. Die entscheidende DNA-Spur Der Durchbruch gelang nicht durch einen Augenzeugen, sondern durch moderne Forensik. Crawford war wegen anderer Delikte bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Im Rahmen eines früheren Verfahrens war eine Blutprobe entnommen worden. Diese DNA konnte Jahre später mehreren Tatorten zugeordnet werden. Am 28. Januar 2000 erfolgte die Festnahme. Während der Verhöre gestand Crawford zunächst sieben Morde, räumte anschließend weitere Tötungen sowie zusätzliche Angriffe auf Frauen ein. Die Aussagen überlebender Opfer stützten seine Geständnisse. Die Ermittler standen plötzlich vor einem Täter, der seine Verbrechen offen schilderte und erklärte, dass er nicht aufgehört hätte zu töten, wenn er nicht festgenommen worden wäre. Fast zehn Jahre bis zum Urteil Obwohl Crawford bereits Anfang 2000 festgenommen worden war, begann sein eigentlicher Mordprozess erst im Jahr 2009. Verschiedene rechtliche Streitigkeiten, Beweisanträge, Verfahrensfragen und Veränderungen im Umgang mit der Todesstrafe in Illinois verzögerten das Verfahren über Jahre. Crawford verbrachte fast zehn Jahre in Untersuchungshaft – länger als jeder andere Häftling in der Geschichte des Bundesstaates Illinois. Während des Prozesses präsentierte die Staatsanwaltschaft DNA-Beweise, Zeugenaussagen und Crawfords eigene Geständnisse. Die Verteidigung verwies unter anderem auf seine schwierige Kindheit und mögliche psychische Folgen früher Traumata. Diese Aspekte konnten jedoch weder seine Schuldfähigkeit infrage stellen noch die erdrückende Beweislage entkräften. Im Dezember 2009 sprach die Jury Andre Crawford in sämtlichen Anklagepunkten schuldig. Er wurde wegen elf Morden sowie weiterer schwerer Sexual- und Gewaltverbrechen zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung verurteilt. Der Tod hinter Gefängnismauern Crawford verbrachte den Rest seines Lebens im Menard Correctional Center in Illinois. Am 18. März 2017 starb er dort im Alter von 54 Jahren an Leberkrebs – zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag. Seine Haft endete nicht durch Begnadigung oder Revision, sondern durch seinen Tod. Ein Fall, der Fragen hinterließ Der Fall Andre Crawford zählt bis heute zu den erschütterndsten Serienmordfällen Chicagos. Er zeigte, wie besonders verletzliche Opfergruppen häufig weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und wie dadurch Mordserien über Jahre unentdeckt bleiben können. Viele der getöteten Frauen kämpften mit Sucht, Armut oder Obdachlosigkeit. Ihre Lebensumstände beeinflussten nicht nur die Wahrnehmung ihrer Fälle, sondern erschwerten auch die Ermittlungen erheblich. Ebenso machte der Fall deutlich, welche Bedeutung der kriminaltechnische Fortschritt erlangt hatte. Ohne DNA-Analysen wäre Crawford möglicherweise nie eindeutig mit mehreren Tatorten in Verbindung gebracht worden. Besonders verstörend blieb jedoch die Tatsache, dass sich der Täter über Jahre nahezu unauffällig in seinem Umfeld bewegte. Er sprach mit Nachbarn, begegnete Polizisten und beteiligte sich sogar an Maßnahmen zur Suche nach dem Serienmörder. Während die Angst in Englewood wuchs, half der Mann, vor dem gewarnt wurde, selbst dabei, die Warnungen zu verteilen. Die Mordserie hinterließ elf bestätigte Todesopfer und ein Viertel, das noch lange mit den Folgen dieser Jahre lebte. Der Name Andre Crawford wurde zu einem Synonym für einen Täter, der sich hinter einem gewöhnlichen Erscheinungsbild verbarg – und dessen Verbrechen erst ans Licht kamen, als wissenschaftliche Beweise stärker waren als jedes Alibi.