Der Vorteil braucht einen Ort
Wirtschaftsforum Morning Brief
Vor 5 Tagen • 6 Min.
BYD baut neben schnell ladenden Autos auch die Ladestationen, eine Wette darauf, dass ein Vorsprung erst zählt, wenn der Kunde ihn nutzen kann. Der Morning Brief vom 30. Oktober erzählt die Gründergeschichte von Wang Chuanfu und BYD, als industrielle Fallstudie, ohne Bewunderung und ohne Feindseligkeit: Wie entsteht ein Vorteil, wenn das eigentliche Hindernis außerhalb des eigenen Produkts liegt? Der Ausgangspunkt: eine Ladesäule im Allgäu Im Frühsommer 2026 stand auf dem Parkplatz der Iselerbahn in Oberjoch die erste Ladesäule Deutschlands mit einer Ladeleistung von bis zu 1.500 kW. Versorgt wurde sie nicht direkt aus dem Netz, sondern aus Batteriespeichern daneben. Ein Sprecher von BYD Deutschland stellte klar, die Anlage sei nur vorübergehend für eine interne Veranstaltung zum Deutschlandstart der Premiummarke Denza aufgebaut worden. Offizielle, dauerhaft betriebene Standorte wurden für später angekündigt. Vom Akku zum Auto: der Weg von Wang Chuanfu Wang Chuanfu studierte metallurgische physikalische Chemie (Bachelor 1987, Master 1990 am Pekinger Forschungsinstitut für Nichteisenmetalle) und wurde dort stellvertretender Direktor; danach leitete er eine Batteriefirma in Shenzhen. Im Februar 1995 gründete er in Shenzhen BYD als Batterieunternehmen. Zu den frühen Kunden gehörten nach Darstellung des Unternehmens Motorola und Nokia. 2003 stieg BYD ins Autogeschäft ein, um Batterie- und Fahrzeugtechnik zu verbinden. Die Technik und das Infrastrukturproblem Am 5. März 2026 stellte BYD in China die zweite Generation der Blade Battery und das FLASH-Charging-System vor. Die Herstellerangaben: 10 bis 70 Prozent Ladung in fünf Minuten, 10 bis 97 Prozent in neun Minuten, bei minus 30 Grad 20 bis 97 Prozent in zwölf Minuten. Wang Chuanfu nannte dabei offen zwei Hindernisse für die Elektromobilität: lange Ladezeiten und schwache Ladeleistung bei Kälte. BYD löst das Netzproblem, indem Batteriespeicher neben den Säulen langsam aus dem Netz laden und die Energie bei Bedarf schnell abgeben. Im März 2026 waren nach Unternehmensangaben 4.239 FLASH-Charging-Stationen in China installiert, bis Ende 2026 sollen es 20.000 werden. Europa: Ankündigung und offene Fragen Mitte Oktober 2026 präsentierte BYD auf dem Pariser Autosalon den ATTO 8, das erste Modell der Hauptmarke mit FLASH Charging in Europa. Markteinführung: erstes Quartal 2027. BYD kündigt 3.000 FLASH-Charging-Stationen in Europa bis Ende 2027 an. Im Juni 2026 war in Fachmedien noch von 3.000 Stationen bis Ende 2026 die Rede gewesen, also einem kürzeren Zeitraum. Bis zur Markteinführung des ATTO 8 ist in Europa nur ein einziges Modell mit FLASH Charging kompatibel: der Denza Z9 GT, ein Shooting Brake der BYD-Premiummarke Denza, ab 115.000 Euro. Ob sich die Stationen wirtschaftlich rechnen, was der Strom dort kosten wird und wie schnell der Ausbau gelingt, ist offen. Die übertragbare Frage BYDs Ansatz ist keine Blaupause für den Mittelstand: Kaum ein Unternehmen kann ähnlich viel investieren. Die Frage, die bleibt, ist eine andere: Was hindert Kunden daran, den versprochenen Wert eines Produkts tatsächlich zu nutzen? Liegt es am Einbau, am Service, an der Schulung, an der Verbindung mit anderen Systemen, oder daran, dass sich niemand zuständig fühlt? Die Lösung muss nicht heißen, alles selbst zu übernehmen. Eine Partnerschaft oder ein veränderter Weg zum Kunden kann ebenso helfen.