Energie und Kredit: ein Schock, zwei Rechnungen
Wirtschaftsforum Morning Brief
Vor 4 Tagen • 4 Min.
EZB erhöht Leitzins / Hormus-Blockade treibt Energie / Investitionsrechnung dreht sich Darum geht es heute Seit dem 16. September 2026 gelten die neuen EZB-Leitzinsen: der Einlagensatz liegt bei 2,50 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. Es ist die zweite Erhöhung des Jahres, ausgelöst durch eine Inflation, die im August auf 3,3 Prozent gestiegen ist. Treiber ist fast ausschließlich die Energie. Und genau darin liegt die Pointe dieser Ausgabe: Energierechnung und Kreditrechnung haben dieselbe Ursache. Ein Schock, der zweimal an der Kasse erscheint. Akt 1: Was passiert ist Der EZB-Rat hat am 10. September 2026 alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Der Einlagensatz steigt von 2,25 auf 2,50 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz auf 2,65 Prozent. Die neuen Sätze gelten seit heute, dem 16. September 2026. Es ist die zweite Erhöhung in diesem Jahr; die erste war am 11. Juni 2026, zugleich die erste Anhebung seit September 2023. Nächste EZB-Sitzung: 29. Oktober 2026. Auslöser ist die Inflation im Euroraum: Der HVPI lag im August 2026 bei 3,3 Prozent (Juli: 2,9 Prozent, Schnellschätzung Eurostat). Haupttreiber ist Energie mit plus 14,3 Prozent (Juli: plus 10,3 Prozent). Dienstleistungen dagegen verlangsamten sich auf 3,0 Prozent (Juli: 3,3 Prozent). Die enge Kernrate (ohne Nahrungsmittel, Energie, Alkohol und Tabak) sank leicht von 2,5 auf 2,4 Prozent und lag damit unter den Markterwartungen von 2,5 Prozent. Die genauen Aufschlüsselungen nach Komponenten finden sich in den Eurostat-Daten (Link unten). Akt 2: Der Mechanismus Der Energiepreissprung geht auf die Sperrungen der Straße von Hormus zurück, die seit Ende Februar 2026 in Folge der Militärschläge der USA und Israels gegen den Iran und iranischer Gegenangriffe auf Energieinfrastruktur am Golf anhält. Durch die Meerenge laufen normalerweise rund ein Viertel bis ein Drittel des globalen Ölhandels und rund ein Fünftel des weltweiten LNG. Gas ist seit Beginn der Blockade um rund 70 Prozent teurer geworden, Öl um rund 50 Prozent (EU-Schätzung, Euronews). Die Kernrate der Inflation bewegt sich dagegen kaum: Der hausgemachte Inflationsdruck kühlt ab, während der importierte Energiepreis die Gesamtrate treibt. Die operative Konsequenz: Energierechnung und Kreditrechnung reagieren auf denselben Schock. Wer beide Posten separat plant, unterschätzt systematisch, wie stark sie sich zusammen bewegen. Akt 3: Was das im Betrieb bedeutet Vorhaben zur Senkung des Energieverbrauchs (Abwärme, Dämmung, eigene Erzeugung, effizientere Prozesse) finanzieren sich seit heute teurer. Gleichzeitig ist die Einsparung pro Kilowattstunde erheblich größer als noch 2023. Ein Projekt, das damals an den Energiepreisen scheiterte, lohnt sich heute unter Umständen neu gerechnet, weil die Ersparnis gewachsen ist, auch wenn der Kredit etwas mehr kostet. Das gilt ausdrücklich nur dort, wo das Vorhaben die Abhängigkeit von genau dem Preis senkt, der den Zinsschritt ausgelöst hat. Reine Kapazitätsinvestitionen ohne Energiebezug sind durch den höheren Zins schlicht teurer geworden. Zwei Jahre sinkender Leitzinsen sind vorbei. Zwei Erhöhungen hintereinander sind eine Richtung, kein Ausreißer. Abwarten bedeutet ab heute: im Zins zahlen und in der laufenden Energierechnung. Zahl des Tages Neunundzwanzig Oktober: Das ist das Datum der nächsten EZB-Sitzung. Ob ein dritter Schritt folgt, hängt weniger an der deutschen Konjunktur als an der Lage an der Straße von Hormus. Wer bis dahin Finanzierungsgespräche führt, sollte beide Szenarien auf dem Tisch haben. Für die Fachabteilung Zinssätze seit 16.09.2026: Einlagefazilität 2,50 %; Hauptrefinanzierungssatz 2,65 %; Spitzenrefinanzierungssatz 2,90 %. Referenzwert Unternehmenskredite bis 250.000 Euro: durchschnittlich 3,67 % (November 2025, Deutsche Bundesbank, Quelle: heropay.eu), gegenüber über 5 % auf dem Höchststand 2023. HVPI August 2026 Komponenten: Energie +14,3 %, Dienstleistungen +3,0 %, nichtenergetische Industriegüter +1,2 %, Nahrungsmittel/Alkohol/Tabak +1,2 %; Kernrate (ohne Energie, Nahrungsmittel, Alkohol, Tabak) 2,4 %. Kernwert ohne Energie stabil bei 2,2 %. Quelle: Eurostat Schnellschätzung, 1. September 2026.