Episode #24: Täter:innen in der Literatur

In der Literaturgeschichte hat die Einfühlung in Täter:innen mit den Mitteln der Kunst eine lange Tradition. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die literarische Auseinandersetzung mit Täter:innen zwingend zur Anerkennung von Unrecht, Entschuldigung, Entlastung oder gar zu einer Täter-Opfer-Umkehr führen muss. Gerade Marcel Beyers Roman Flughunde über die Familie des NS-Propagandaministers Goebbels und Nora Bossongs Reichskanzlerplatz, der Magda Goebbels ins Zentrum stellt, verdeutlichen, dass die Annäherung an Täter:innen in der Literatur auf eine Weise möglich ist, die eine komplexere, über Einzeltäter:innen hinausgehende Perspektive auf Schuld und Verantwortung ermöglicht. Aber warum erzählen wir uns überhaupt Geschichten über Täter:innen, welche soziale und moralische Funktion erfüllen sie? Was ist die ‚Aufgabe‘ der Literatur in diesem Zusammenhang? Und wie weit reicht ihre Autonomie? Der Literaturwissenschaftler Sebastian Schönbeck moderiert die Lesung der beiden Autor:innen und führt das anschließende Gespräch mit ihnen. Die Lesung war Teil des Workshops "A Case for Empathy? Facing the Perpetrator in Literature, Culture, and History", den die Literaturwissenschaftlerin Saskia Fischer (Hannover) am ZiF veranstaltet hat.Links:Marcel Beyer Nora BossongSebastian SchönbeckSaskia Fischer Workshop "A Case for Empathy?" Literatur: Nora Bossong: Reichskanzlerplatz, Berlin 2024 Marcel Beyer, Flughunde, Frankfurt 1996