Lebensnaher, anschaulicher und handlungsorientierter Unterricht #66

Die Forderung nach Lebens- und Praxisnähe ist nicht nur ein pädagogisches Ideal, sondern eine grundlegende Voraussetzung für nachhaltiges Lernen. Wenn das, was ein Mensch erfährt oder lernen soll, keinen „Sitz im eigenen Leben“ hat, bleiben Inhalte abstrakt, unverstanden und kaum anwendbar. Warum tun sich Bildungseinrichtungen dennoch so schwer damit, Lerninhalte nicht nur über Vorträge zu vermitteln, sondern durch Methoden, die individuelle Auseinandersetzung, persönliche Relevanz und echte Weltbezüge ermöglichen? Liegt es am fehlenden Know-how, am mangelnden Verständnis der Lehrenden oder an strukturellen Rahmenbedingungen, die solche Lernformen erschweren? Missverständnisse spielen dabei eine große Rolle. Montessoris Forderung nach einem Lernen „mit Hirn, Herz und Hand“ wird häufig belächelt – nicht, weil sie unvernünftig wäre, sondern weil sie oft falsch interpretiert wird. Professionelles Lernen mit „Herz“ bedeutet nicht Sentimentalität, sondern emotionale Beteiligung, Motivation, Sinnbezug. Lernen mit der „Hand“ meint die aktive, handelnde Auseinandersetzung mit der Welt. Beides erfordert von Lehrenden intensives Training, methodische Sicherheit und die Bereitschaft, Lernprozesse neu zu denken. Gleichzeitig wird über Reformversuche des Bildungsministeriums häufig geklagt. Viele Lehrkräfte empfinden sie als „Reformitis“ – als ständige Eingriffe von außen. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wie wird ein Mensch in einem Thema wirklich kompetent? Können wir es uns als Gesellschaft leisten, Jahr für Jahr zu viele junge Menschen ohne ausreichende Kompetenzen aus dem Bildungssystem zu entlassen? Was bräuchte Schule im 21. Jahrhundert unbedingt? - - - - - Elsbeth Kossmeier und Benedikt Weingartner bewegt das Thema Lernen. Sie setzen sich damit auseinander, was man für das Leben lernt, lernen soll, freiwillig und unfreiwillig, bewusst und unbewusst. Mit ihren unterschiedlichen Zugängen führen sie kritisch und mit utopischen Gedanken im Hinterkopf einen Dialog. Beide sind viel beschäftigt mit jungen Menschen, deren Reaktionen auf Schule, den unterschiedlichen Motivationen, Neues zu entdecken und ins eigene Leben hereinzunehmen, der Fähigkeit zur konstruktiven Auseinandersetzung mit Leben und Welt, ihrer Haltung zum Lernen generell. Elsbeth Kossmeier ist Gestaltpädagogin, war 40 Jahre lang Lehrerin für Deutsch und Musik an einem Gymnasium sowie Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. Nach wie vor ist sie Referentin für Lehrende für einen Unterricht, der die Persönlichkeit der einzelnen Lernenden stärkt sowie deren Lernmotivation und Lernerfolg zu steigern vermag. Veröffentlichungen: Einzelnen gerecht werden. Chancen und Herausforderungen eines Unterrichts in heterogenen Klassen, Linz 2013. | „Im Unterricht geht es um mich!“ Die Lernseitige Orientierung von Unterricht, Klagenfurt 2019. Benedikt Weingartner war 10 Jahre Benediktinermönch, Religionslehrer und später internationaler Künstlermanager im Bereich der klassischen Musik. Seit 2014 ist er Journalist und vor allem auf Außen- sowie Europapolitik spezialisiert. Er moderiert EU-Bürger:innendialoge und EU-Jugenddialoge. Darüber hinaus ist er Moderator und Redaktionsleiter des TV-Jugendtalkmagazins #Europa4me (https://www.okto.tv/europa4me)) sowie der Sendereihe „Europa : DIALOG“ (https://www.okto.tv/europadialog). Kontakt: leben-lernen@outlook.com