MENSCHENSKINDER
Tief durchatmen! Kenisha ist ein bisschen nervös. Sie ist die Jüngste in ihrer Gruppe und soll beim Tanzauftritt heute ganz vorn stehen. Anmutig schreiten die Mädchen auf die Bühne – und die Musik beginnt! Die zwölfjährige Kenisha wohnt in der Millionenstadt Chennai im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Dort sind Traditionen noch sehr lebendig, wie beispielsweise das Erntedankfest Pongal, das man Mitte Januar feiert. Deshalb tritt Kenisha heute auf! Seit sie klein ist, lernt sie einen rund 2000 Jahre alten Tanz namens Bharatanatyam. Früher huldigten die Menschen mit ihm in Tempeln den Göttern. Er ist eine hohe Kunst, für die Kenisha jedes Wochenende vier Stunden lang trainiert. Besonders wichtig sind die vielen verschiedenen Handgesten, die „Mudras“: Jede von ihnen hat eine eigene Bedeutung. Sie sind wie das Alphabet einer graziösen Sprache, mit der die Mädchen alte Geschichten erzählen. „Ich liebe diesen Tanz, weil man mit ihm sehr viele Gefühle ausdrücken kann“, erzählt Kenisha. „Außerdem lernt man, seine Hände und Füße zu koordinieren. Mir macht das riesig Spaß!“ Vor jedem Auftritt schminkt sie sich, zieht glitzernden Schmuck an und ihren rot-goldenen Sari. Das etwa sechs Meter lange Tuch wird kunstvoll um ihren Körper gewickelt. Noch schafft Kenisha das nicht allein: „Man muss viele Sicherheitsnadeln befestigen, sonst fällt der Sari auseinander, wenn ich mich auf der Bühne bewege.“ Das soll natürlich nicht passieren. Schon gar nicht am heutige Abend, an dem Kenisha tanzt und tanzt! Jetzt gibt es nur noch sie und die rhythmische Musik von Trommeln, südindischen Flöten und Oboen. Als der Applaus losdonnert, strahlt Kenisha auf der Bühne – noch mehr als alle Glitzersteine zusammen.